Okt 152010
 

Ein guter Freund schickte mir vor einigen Wochen die ersten Berichte der französischen Presse, in der die zweite Generation des neuen Citroën C4 schon mit „Gourmet Allemand“ betitelt wurde. Insofern waren wir gespannt, was uns tatsächlich erwarten würde. Ist der neue Citroën C4 nun wirklich „ganz deutsch“ (so hiess es mal vor siebeneinhalb Jahrzehnten in einer Werbung aus Poll)? Erwartet uns ein französischer A3 Sportback? Wie weit haben sich die Designer von der Konkurrenz aus Ingolstadt und Wolfsburg inspirieren lassen? Wir waren gespannt, welchen Eindruck wir vermittelt bekommen würden…

Doch alles der Reihe nach. Die Modellreihe des C4 blickt auf einen würdigen Ahnen zurück. Der erste Wagen mit dieser Modell-Bezeichnung wurde im Jahr 1928, im zehnten Jahr der Gründung der Automobilmarke, lanciert, und ist das erste Fahrzeug der „modernen zweiten Generation“ bis zum Erscheinen des berühmten Traction Avant im Jahr 1934.

In dieser Epoche wird zum ersten Mal eine modulare und damit effizient produzierbare Modellpalette den verschiedenen Zielgruppen präsentiert: neben den aus der Werbung bekannten Limousinen für die Dame der Welt gibt es für den Herrn den eleganten Roadster, für den Handwerker die Nutzfahrzeug-Version „C4 Utilitaire“, für den Abenteurer den „C4 Autochenille“ mit Kegresse-Halbkettenantrieb (bekannt aus den Croisière-Weltreisen), für den Rennfahrer einen „C4 Competition“ – und für den jungen Nachwuchs aus begütertem Hause das erste elektrifizierte Kinderauto „C4 Citroënette“.

Es sollten mehr als fünfeinhalb Jahrzehnte vergehen, bis Citroen sich wieder auf bewährte Namen rückbesinnt und die „C-Nomenklatur“ einführt. Nach Markteinführung der ersten Generation des C4 im Jahr 2004 waren wir gespannt, wie der C4-2 nun weiterentwickelt wurde, und haben die Einladung zur Pressevorstellung in der repräsentativen Umgebung von Schloss Bensberg gern angenommen, um einen ersten Live-Eindruck des neuesten Modells gewinnen zu können. (Notabene: Es freut uns zu sehen, daß die Marke ihre Tradition in Ehren hält: im Rahmen der internationalen Neuvorstellung werden übrigens derzeit die oben erwähnten C4-Ahnen auf der aktuellen Pariser „Mondial de l’Automobile 2010“ in Halle 8 als Sonderschau „La C4 Saga“ präsentiert!)

Doch zurück zum jüngsten Spross der Familie: Die Formensprache des C4-2 ist weniger extravagant als das des Vorgängermodells; vielleicht mag der ein oder andere ein wenig die französische Avantgarde vermissen. Auf der anderen Seite diktieren Umsatzzahlen den Erfolg eines jeden Unternehmens, und so ist es wichtig, in diesem international so genannten „C-Segment“, das fast ein Drittel aller Neuwagen-Zulassungen (ca. 16 Millionen) weltweit verzeichnet, einen hohen Marktanteil einzunehmen. Schauen wir uns dieses Marktsegment genauer an: europaweit sind rund 60% davon Limousinen, in Deutschland sogar 65%. 14,5% werden als Kombis zugelassen. Ein zu diesem Markt „kompatibles“ Modell im Portfolio zu haben, ist essentiell.

Als wir dann endlich im ausschließlich als Fünftürer gebauten Wagen (wir fuhren die Exclusive-Version mit THP-Benzin-Direkteinspritzung) einsteigen, fällt zuerst die hohe Wertigkeit des Innenraums auf. Endlich sind die Rund-Instrumente aufgeräumt, wirken sportlich und aufeinander abgestimmt. Die erste C4-Generation hätte eigentlich jedem Innenraumdesigner übel aufstoßen müssen: 4 verschiedene Schriftfamilien bei Navi, Tacho und Anzeige-Instumenten ließen den C4 nicht aus einem Guß erscheinen, sondern eher als eine zusammengestückelte Ansammlung einzeln zugekaufter Komponenten.

Man sitzt bequem in den auch seitlich gut geformten Sesseln. Bei optimaler Sitzeinstellung ist die Distanz zu den Fusspedalen gut, und die Hände liegen entspannt am Lenkrad. So konzentriert sich der Blick auf die zentralen Instrumente innerhalb des hochwertig empfundenen und dynamisch geformten Armaturenbretts. Endlich kein Suchen mehr nach Anzeigen ausserhalb des Blickfelds! Die Mittelkonsole wirkt hochwertig und ebenfalls wie aus einem Guss. Weiteres Aha: Genauso wie der Parfümspender ist -endlich!- auch das feststehende Multifunktionslenkrad wieder entfallen. Die 3.5kg Gewichtsersparnis allein dieses Bauteils addieren sich zu den insgesamt 90kg Reduktion, die dieses Modell von seinem Vorgänger unterscheiden. Weltpremiere auch die neuen Michelin „Energy Saver“ Reifen, die bis zu 5g/km CO2 bzw. 0,2L/100km Treibstoff einsparen helfen.

A propos Energiesparen: mit dem „e-HDI 110 FAP“ Diesel führt Citroën den ersten „Mikrohybriden der zweiten Generation“ ein. Will heissen, die Start-Stop-Automatik kann nicht nur bei Stillstand, sondern bereits unterhalb von bis zu 8km/h genutzt werden. Ein 2kW starker Startgenerator ersetzt Anlasser und Lichtmaschine, und somit kann der eigentliche Motoranlassvorgang auf knackig-kurze 0,4 Sekunden reduziert werden. Um die zyklenfestere Batterie weiter zu schonen, sorgen zusätzliche Superkondensatoren für die kurzfristige Energiebereitstellung. Die Testfahrten im Pariser Stop-and-Go Betrieb sollen hierbei eine Einsparung bis zu 15% Treibstoff erwiesen haben.

Wir haben dann bei der knapp halbstündigen Probefahrt doch eher weniger Benzin gespart, und die 156PS des THP in Kombination mit dem EGS6-Getriebe ein wenig ausgereizt. Hier fällt auf, daß die Automatik nicht optimal abgestimmt zu sein scheint. Nach meinem Dafürhalten war das Hochschalten in höhere Gänge deutlich zu spät: beim Kickdown ab Stillstand wurde der 1. Gang bis zur Drehzahlgrenze hochgejubelt, dann für einige 10tel abgeriegelt, und dann erst in den 2. Gang geschaltet. Mag sein, daß das „lernende Motorsteuergerät“ von den vor uns probefahrenden Journalisten anders gelernt hat. Der Wagen kann sowohl in (A)utomatik wie auch (M)anuellem Schaltmodus gefahren werden; bei ersterem ist man dennoch froh, wenn man die aus dem Pluriel bereits bekannten Schaltpaddel zur Handschaltung am Lenkrad zum Gangwechsel nutzen kann, und man so eine komfortable und moderne Halbautomatik nutzen kann.

Der Kofferraum ist mit 408 Litern der größte seiner Klasse; die 8cm Längenzuwachs zum Vorgänger kamen ihm voll zugute. Eine Ladekante hin mag vereinzelt stören – aber das ist Geschmackssache. Interessanter ist da schon die 230V-Eurostecker-Steckdose in der Mittelablage, der hilft, den Laptop oder andere Verbraucher mit bis zu 120W Leistung zu speisen – sicherlich sinnvoll für Geschäfts- oder Urlaubsreisen. Für lange Touren oder für Aussendienstler interessant: Es gibt in der Kompaktklasse erstmalig auch Massagesitz-Funktion für die Vordersitze! Eine weitere Innovation ist der gemeinsam mit Bosch entwickelte „Toter-Winkel-Assistent“, der auf Ultraschallbasis zwischen 12-140km/h im Aussenspiegel anzeigt, ob ein Fahrzeug möglicherweise übersehen wurde. Nützlich ebenso eine Parklückenvermessung, Berganfahrhilfe sowie für für winterliche Strassenverhältnisse die „intelligente Traktionskontrolle“.

A propos Traktion: Da die EGS-6-Gangwechsel elektronisch funktionieren und kein Schaltgestänge den Mitteltunnel füllt, bleibt dort Platz für bis zu 4 klimatisierte Erfrischungsgetränke – auch dies ein Novum und sehr nützlich, weil endlich für beide Frontpassagiere bequem erreichbar. Die MP3-CD sowie USB- und Cinch-Anschlüsse mit iPod-/iPhone-Ladung und Abspielen von Musik sind nicht neu, sind aber praktisch untergebracht und das iPhone kann gut lesbar in der Ablage davor untergebracht werden, wenn man keine passende Halterung montiert hat. Interessant die 3 Klimaautomatik-Einstellungen, überflüssiges Gimmick die unterschiedlichen Warnton-Klangwelten für Gurtpiepser und Co. – einige davon eher nervig denn beruhigend.

Was Citroën sicherlich noch von Apple und Co. lernen kann und auch muss, ist die Menüführung des Bordcomputers. Hier hat man das Gefühl, sich noch auf eher „Windows98“-Niveau zu bewegen; nicht alles ist intuitiv zu finden und man verbringt deutlich zu viel Zeit, Menü- und Fahrzeug-Funktionen zu suchen. Die Pariser Designmannschaft sollte hier bei dem besagten Hersteller aus Cupertino einige Lehrstunden in Sachen „GUI-Entwicklung“ nehmen… 😉

Zum Kampfpreis ab 15.950,- Euro in der Basisversion steht der Wagen ab dem 15.11.2010 bei den Händlern. Auch für diejenigen, die noch einen ansprechenden Wagen unterhalb des C5 fürs Firmenleasing oder Privatleasing suchen, sei der Wagen ernsthaft zur Probefahrt ans Herz gelegt – die TCO-Werte für die Kalkulation von Wertverlusten der Leasingraten sind sicherlich attraktiv.

Thomas Albrecht (Citroën), Ulrich Brenken (ACC), Stephan Joest (ACI), Stephan Lützenkirchen (Citroën)

Thomas Albrecht (Citroën), Ulrich Brenken (ACC), Stephan Joest (ACI), Stephan Lützenkirchen (Citroën)

Die Pressekonferenz gab uns Gelegenheit, mit dem Scheiden des Pressechefs und zugleich unserem langjährigen Technoclassica- und ACI-Ansprechpartner Thomas Albrecht auch seinen Nachfolger, Stephan Lützenkirchen erstmalig kennenzulernen, der diese Funktion ab dem 1. November 2010 offiziell übernimmt.

Wir freuen uns, einen sympathischen und seit vielen Jahren begeisterten Citroënisten kennengelernt zu haben, und werden die Einladung zu einem eigens einberufenen Termin in wenigen Tagen in Köln wahrnehmen, um die seit Jahren enge Partnerschaft zwischen Hersteller und Clubs weiter zu intensivieren und unsere gemeinsame „Agenda 2011“ vorzustellen. Hierzu werden wir die Clubs weiter auf dem Laufenden halten.

(C) Fotos: Citroën Presse / U. Brenken / S. Joest

Hier noch einige Bilder vom Tag, Fotos (C) S. Joest